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Predigt vom Sonntag, 29.08.2004
Christian Stimming zum Thema: 

Gesetz und Gnade

 

Die Predigt heute geht um das Thema Gesetz und Gnade. Gnade und Gesetzlichkeit. Wir werden in dem Bibeltext gleich genauer sehen, was diese beiden bedeuten und wo es einen Konflikt dazwischen gibt.

In diesen Wochen befinden wir uns in einer Predigtreihe durch die Apostelgeschichte. Wir wollen die Geschichte der jungen christlichen Kirche als Beispiel nehmen, um das Ziel für unsere Gemeinde, für die Vineyard-Altona, genauer zu sehen. Wir wollen mit der Apostelgeschichte ein Bild dessen malen, wo unsere Gemeinde hinwill. Wir wollen die Vision der Vineyard ausmalen.

So geht es nun diese Woche um Apg 15, das "Apostelkonzil", also eine besondere Versammlung der Apostel in Jerusalem.

Zur Vorgeschichte des Bibeltextes: In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie die Christen in Jerusalem und den umliegenden Städten Gemeinden gegründet haben und dann auch in den weiter entfernten Städten. Zuerst haben im Wesentlichen nur Juden die frohe Botschaft von Jesus gehört. Je weiter die Gemeinden von Jerusalem entfernt waren, desto öfter haben dann auch Nichtjuden das Evangelium gehört. Aus Sicht der Juden wurden diese Nichtjuden immer "Heiden" genannt, so daß die nichtjüdischen Christen auch in vielen Übersetzungen bei uns als "Heidenchristen" bezeichnet werden. Und um eine Gemeinde mit vielen dieser Heidenchristen, den nichtjüdischen Christen, geht es hier.

Apostelgeschichte 15: 1 Eines Tages kamen Gläubige aus Judäa in die Gemeinde von Antiochia. Sie behaupteten: «Wer sich nicht beschneiden läßt, so wie es im Gesetz des Mose vorgeschrieben ist, kann nicht gerettet werden.» 2 Paulus und Barnabas widersprachen dieser Meinung sehr heftig. Schließlich beschlossen die Brüder in Antiochia, daß Paulus und Barnabas mit einigen anderen aus der Gemeinde zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem gehen sollten, um diese Streitfrage zu klären. (...) 4 In Jerusalem wurden sie von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten herzlich aufgenommen. Auch dort erzählten sie, welche Wunder Gott unter den Heiden getan hatte. 5 Aber auch hier verlangten einige der Gläubigen, die früher zu den Pharisäern gehört hatten: «Man muß die Heiden beschneiden und von ihnen verlangen, daß sie das Gesetz des Mose befolgen.»

6 Daraufhin setzten sich die Apostel und Ältesten zusammen, um diese Frage zu klären. 7 Nach heftigen Auseinandersetzungen stand schließlich Petrus auf und sagte: «Liebe Brüder! Ihr wißt doch, daß Gott mir schon lange vor diesem Gespräch aufgetragen hat, das Evangelium auch denen zu verkünden, die keine Juden sind, denn auch sie sollen Jesus als ihren Herrn annehmen. 8 Und Gott, der jeden von uns ganz genau kennt, hat sich zu ihnen bekannt, als er den Nichtjuden genauso wie uns den Heiligen Geist gab. 9 Und auch darin machte Gott keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden, daß er sie von aller Schuld befreite, nachdem sie an ihn glaubten. 10 Warum wollt ihr jetzt Gott herausfordern und diesen Brüdern eine Last aufbürden, die weder wir noch unsere Väter tragen konnten? 11 Wir glauben, daß wir allein durch die Gnade Jesu gerettet werden. Dasselbe gilt auch für die Nichtjuden.» 12 Nach diesen Worten gab es keine weitere Diskussion, und Barnabas und Paulus konnten berichten, welche großen Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.

13 Jetzt stand Jakobus auf: «Liebe Brüder!» sagte er. 14 «Simon Petrus hat eben erzählt, wie Gott selbst begonnen hat, unter den Heiden ein Volk zu sammeln, das ihm gehört. 15 Das sagen ja schon die Propheten, denn es heißt bei ihnen: 16 'Danach werde ich mich meinem Volk wieder zuwenden, das zerfallene Haus Davids und alles Zerstörte wieder aufbauen. 17 Alle Überlebenden sollen den Herrn suchen, auch alle Heiden, die zu mir gehören, 18 spricht der Herr, der das alles schon lange beschlossen hat.' 19 Ich meine deshalb», erklärte Jakobus, «wir sollten den Nichtjuden, die sich zu Gott bekehren, keine unnötigen Lasten aufbürden und ihnen nicht die jüdischen Gesetze aufzwingen. 20 Wir sollten von ihnen allerdings verlangen, sich vom Götzendienst und jeder Unzucht fernzuhalten, kein Fleisch von Tieren zu essen, die nicht ausbluteten, oder gar das Blut selber zu trinken. 21 Denn diese Gebote sind überall bekannt. Sie wurden schon immer an jedem Sabbat in allen Synagogen vorgelesen.»

22 Am Ende der Beratungen beschlossen die Apostel und Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, einige Männer auszuwählen und sie mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu schicken. Man wählte Judas, der auch Barsabas genannt wurde, und Silas. Beide hatten in der Gemeinde ein hohes Ansehen. 23 In dem Brief, den man ihnen mitgab, hieß es: «(...) 28 Geleitet durch den Heiligen Geist kamen wir zu dem Entschluß, euch außer den folgenden Regeln keine weitere Last aufzuerlegen: 29 Ihr sollt kein Fleisch von Tieren essen, die den Götzen geopfert wurden, kein Fleisch von erstickten Tieren und auch kein Blut. Hütet euch vor aller Unzucht. Wenn ihr danach handelt, verhaltet ihr euch richtig. Herzliche Grüße an euch alle.» 30 Judas und Silas wurden von der Gemeinde verabschiedet und kamen nach Antiochia. Dort beriefen sie eine Gemeindeversammlung ein und übergaben das Schreiben. 31 Als man es vorgelesen hatte, freute sich die ganze Gemeinde über diese Ermutigung.

Sie freuten sich über diese Ermutigung. Das ist doch toll -- ich freue mich auch darüber, wenn die Predigt eine Ermutigung ist. Aber was war vorher das Problem? Gläubige aus Judäa kommen in die Gemeinde in Antiochia und sagen, daß alle Christen das Gesetz des Mose einhalten müssen und sich deswegen beschneiden lassen müssen.

1. Das Gesetz des Mose ist erst einmal alles das, was im alten Testament als Gesetze überliefert ist. Für die Juden ist dieses Gesetz von Mose die erste und einzige und umfassende Überlieferung, wie Gott sich das Leben gedacht hat. Gott hat in diesem Gesetz für fast alle Lebensbereiche deutlich gesagt: Mein liebes Volk, so sollt ihr leben und so nicht. Dies sollt ihr tun und dies andere nicht. Mit diesem Gesetz war klar, daß jeder vom Volk Israel, der die Gesetze einhält, wirklich angenommen ist von Gott und daß Gott ihn als einen gerechten Menschen ansieht.

Und die Gesetze von Mose enthalten viele Sachen, die wir auch heutzutage als richtig und erstrebenswert ansehen: Die 10 Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen usw. Vieles davon ist ja auch in diesem Land ein Gesetz und dient dazu, daß Ungerechtigkeit im großen und ganzen bekämpft wird. Wenn jemand ungerecht behandelt wird, dann dienen solche Gesetze dazu, daß man zu einem Gericht gehen kann, so daß dort Recht gesprochen wird und wieder Gerechtigkeit einkehrt. Genauso dienten auch im Volk Israel die Gesetze dazu, daß die Menschen untereinander gerecht gehandelt haben und daß die Schwächeren (Witwen, Flüchtlinge, Arbeitslose) nicht unterdrückt und ausgebeutet wurden.

Darüber hinaus gibt es im Gesetz von Mose aber einige Regeln, die für uns heute eher seltsam, unsinnig oder unwichtig erscheinen. Zum Beispiel Speisevorschriften, so daß die Juden kein Schweinefleisch essen dürfen und so. Und auch die Beschneidung, daß nämlich jedes männliche Neugeborne ein paar Tage nach der Geburt beschnitten werden sollte, und wenn Erwachsene zum jüdischen Glauben übertreten, dann sollten die ebenfalls beschnitten werden.

Aber für die Juden gehören alle diese Gesetze zusammen und es ist ihnen ein tiefstes Herzensanliegen, daß sie wirklich alle Gesetze befolgen und zwar so genau wie möglich. Dadurch, wissen die Juden, können sie Gott wohlgefallen, sie sind in Gottes Augen "gerecht" und Gott mag sie. Sie sind errettet, wenn sie diese Gesetze einhalten.

2. Jetzt sind in der Kirchengemeinde in Antiochia aber viele Nichtjuden gerade zum Glauben gekommen (also Heiden). Die haben einfach nur von Jesus gehört. Daß nämlich Jesus der Erlöser ist, daß er für die Menschen gestorben ist und auferstanden, und daß wir wenn wir an ihn glauben von unserer Schuld befreit werden. Daß nämlich Schuld und Sünde und Krankheit und Leid von Jesus auf das Kreuz genommen wurde und wir nun frei sein können davon. Daß wir nun umkehren können und das Leben von vorne anfangen können, frei von Schuld.

Als öffentliches Zeichen dieser Umkehr haben die Frischbekehrten sich taufen lassen. Davon haben wir in den letzten Wochen auch gehört, und letzte Woche hatten wir ja auch eine Taufe an dem See in Mecklenburg. Das war fantastisch, weil es immer toll ist, wenn Menschen Jesus kennengelernt haben und nun bezeugen: Ja, Jesus ist mein Herr und mit ihm will ich leben. Die Christen in Antiochia haben eine Begegnung mit Gott erlebt, und diese Begegnung verändert ihr Leben.

Und als sozusagen inneres Zeichen schenkt Gott uns und allen Christen seinen Heiligen Geist, also die Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Dadurch wissen wir, daß wir zu Gott gehören, weil er in uns lebt. Wir können seine Stimme hören und mit ihm reden, und wir können mitten im Alltag das tun, was er möchte. Wie wir das in den letzten Wochen als Erfüllung mit dem Heiligen Geist hier auch gehört haben.

3. Aber nun kommt hier der Konflikt: Sind die Christen in Antiochia nun errettet durch Christus? Oder durch diese Regeln, also das Gesetz Mose, angefangen mit der Beschneidung?

Sind wir errettet durch "Christus _und_ diese Regeln"? Wir kennen auch viele Regeln. Die zehn Gebote. Christliche Tradition. Alles das, was wir ein "gutes Christenleben" nennen würden. Also: Sind wir errettet durch Christus? Oder weil wir

  • die 10 Gebote halten, oder
  • sonntags immer in den Gottesdienst gehen und an Weinachten sogar mit der ganzen Familie, oder weil wir
  • jeden Tag 30 Minuten in der Bibel lesen und beten, oder
  • oder den Sabbat oder den Sonntag streng einhalten,
  • weil wir uns solche Kleidung anziehen wie die anderen in der Gemeinde?

Natürlich ist es sehr gut, täglich in der Bibel zu lesen, weil Gott durch die Bibel am deutlichsten zu uns spricht. Aber sind wir dadurch errettet? Oder sind wir errettet durch ethische Maßstäbe, die es ja auch in allen Religionen gibt, beim Islam, beim Buddhismus, beim kategorischen Imperativ der Humanisten?

4. NEIN. Wir sind nur durch Jesus und seine Gnade gerettet. Jesus, Jesus, Jesus, Jesus. Wenn wir uns wieder erneut irgendwelche Regeln auferlegen, ignorieren wir diese Gnade und sind durch diese auferlegten Regeln geradezu gebunden, versklavt, befinden uns in Gefangenschaft und Gebundenheit -- in Gefangenschaft der uns auferlegten Regeln. In Gefangenschaft des Gesetzes.

Gal 5,1: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Die Errettung ist einzig und allein in der Gnade von Jesu Opfer zu finden. Jesus, Jesus, Jesus, Jesus.

In Christus haben wir eine neue Existenz bekommen: die Freiheit! Wir dürfen nun zu Gott im Gebet sagen: Abba, Vater. Mein Papa, mein Vater. (Gal 4,6)

Deswegen ist in Apg 15 die Entscheidung der Apostel eindeutig: Die Heidenchristen müssen _nicht_ die jüdischen Gesetze einhalten.

Aber diese Freiheit bedeutet nun auch nicht eine absolute Ungebundenheit und Willkür. (Gal 5,13: Das bedeutet aber nicht, daß ihr jetzt tun und lassen könnt, was ihr wollt. Nehmt vielmehr in gegenseitiger Liebe Rücksicht aufeinander. / Sondern dient einander durch die Liebe.) Deshalb werden nun doch ein paar Regeln erwähnt: Sie sollen sich vom Götzendienst fernhalten -- ist klar, denn sie können nicht gleichzeitig Jesus und einem Götzen dienen. Ebenso Unzucht, also Sex außerhalb oder vor der Ehe -- das wird noch an vielen Stellen in der Bibel als nicht von Gott gewollt identifiziert. Nur stehen hier noch zwei komische Sachen dabei: Kein Fleisch von erstickten Tieren und kein Blut, also doch wieder Sachen aus den jüdischen Speisevorschriften. Das muß man sich halt so vorstellen, daß die Heidenchristen und die Judenchristen ja doch irgendwie in der gleichen Gemeinde miteinander leben wollen. Und wenn die dann zusammen essen wollen, dann sind so manche Dinge für die Judenchristen total unerträglich und andere Dinge wiederum können sie tolerieren. Deshalb gibt es hier diese Regel, an die sich die Gemeinde in Antiochia doch bitte halten möge, damit die Heiden- und Judenchristen eben auch beim gemeinsamen Picknick weiterhin zusammen essen können.

5. Aber die Errettung selber ist einzig und allein in der Gnade von Jesu Opfer zu finden. Jesus, Jesus, Jesus, Jesus. Darin sind wir alle gleich. Keiner ist auch nur irgendeinen Deut besser als der Andere; alle brauchen die Erlösung durch Jesus. Gal 3,28: Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: in Christus seid ihr alle eins. Der Mann darf sich seiner Männlichkeit nicht brüsten, die Frau braucht keine Minderwertigkeitsgefühle zu haben und umgekehrt. Sogar die gesellschaftlichen Normen verlieren ihre Bedeutung: Damals Sklaven und Freie, hier Reiche und Arme, gutsituierte Bürger und Junkies haben in Jesus ein neues Leben, eine neue Würde. Jesus ist der Einheitsnenner, der die so ungleichen Menschen in eine lebendige, frohmachende Gemeinschaft bringt. Nicht ob wir gewisse Gesetze halten, sondern ob wir Gemeinschaft mit Jesus haben, ist wichtig. Seine Liebe umfaßt uns alle.

Was bleibt uns? Wir können diese Gnade nur annehmen. Das Gesetz bekommt dann eine andere, eine neue Funktion: Indem wir sehen, wie Gott sich ein Zusammenleben vorgestellt hat, erkennen wir, was gut und was falsch ist. Was Gott-gewollt ist und wo wir schuldig werden. Was jesusmäßig und was Sünde ist. Und wenn wir Schuld auf uns laden und sündigen -- was wir immer wieder tun werden, solange wir Menschen sind -- müssen wir das vor Jesus bekennen und seine Vergebung annehmen. Und dann können wir uns auch gegenseitig vergeben.

Denn natürlich werden meine Geschwister hier in der Gemeinde auch Fehler machen. Das wird so sein, solange wir Menschen sind. Ich sündige: ich bin ungeduldig, herablassend, hab geklaut, hab gelogen. Da muß ich jedesmal wieder Buße tun. Buße tun heißt umkehren. Buße bedeutet eine Änderung des Sinnes. Und ich hab sexuell unmoralisch gelebt. Das ist nun mehrere Jahre her und weil Gott gnädig ist, konnte ich umkehren und mich ändern. Und genauso weiß jeder von uns, wo wir nicht gottgemäß handeln und deshalb seine Gnade brauchen. Gott vergibt uns durch Jesus. Und dann können wir uns gegenseitig vergeben und um Vergebung bitten. Wir können sogar unseren Leitern vergeben, die ebenfalls Fehler machen.

Zusammenfassung: Gesetzlichkeit und Regeln für die Errettung führen uns erneut in Gebundenheit und Gefangenschaft. Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Wir leben aus der Gnade, weil Jesus uns angenommen hat. Jesus, Jesus, Jesus, Jesus. Amen.

 

  
 
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