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Predigt vom Sonntag, 09.05.2004
Erik Wienecke zum Thema: 

Gottes Barmherzigkeit

 

Heute geht es um das Thema Barmherzigkeit. Das ist gleichzeitig der Einstieg in eine neue Predigtreihe, in der wir über Gottes Charakter reden wollen. Was sind Gottes Eigenschaften? Da stellt sich erst einmal die Frage: Wie kann man überhaupt über Gottes Charakter reden? Ist das überhaupt möglich? Ist Gott nicht so viel größer, als wir das jemals erkennen können? Wie können wir da dieses Wagnis eingehen, Gott zu beschreiben?

Grundsätzlich ist das eine schwierige Frage. Ich möchte daher auch darauf hinweisen, dass alles, was wir in dieser Predigtreihe sagen werden, immer zu kurz greift, weil Gott immer viel größer ist. Er ist immer viel unfassbarer, sehr viel barmherziger, liebevoller und gnädiger, als wir das als Menschen jemals werden verstehen können.

Dennoch denke ich, es ist möglich, darüber zu sprechen, weil Gott uns die Bibel gegeben hat, wo er Menschen hat aufschreiben lassen, wie er ist. Und Gott stellt sich auch dazu, obwohl es Menschen waren, die es aufgeschrieben haben. Er sagt: „OK. Das soll das Handbuch sein, wo man nachgucken kann, wie ich bin. Wenn ihr Fragen habt, wie ich bin, könnt ihr hier nachgucken.“ Eigentlich eine coole Sache. Leider ist das nicht immer ganz leicht zu verstehen. Auch sind die Passagen, die wir gerade suchen, nicht immer ganz leicht zu finden, da ein Index fehlt. Das wäre es dann ja: „Gottes Charakter, S. …“ Da gucken wir dann nach: Aha, Gott ist gnädig. Gott ist barmherzig. Gott ist liebevoll. usw. uws.

Aber wir haben noch eine andere Möglichkeit. Wir lernen Gott kennen. Wir bauen Beziehungen zu ihm auf und merken mehr und mehr, wie Gott ist. Wenn ihr jetzt nicht versteht, was das ist, Gott kennen zu lernen, Beziehung zu Gott zu haben, lasst euch zunächst einfach gesagt sein: es ist möglich. Hier sitzen ganz viele Leute, die das Wagnis eingegangen sind, eine Beziehung zu Gott aufzubauen. Die haben Dinge kennen gelernt über Gott: ja, Gott ist wirklich liebevoll. Was in der Bibel steht, stimmt tatsächlich. Und all diejenigen, die hier sitzen, die diese Beziehung – kurz oder lang – haben, mit Gott, mit Jesus, die können davon berichten, wie Gott ist. Zwar auch immer nur einen Aspekt, der immer zu kurz fällt und hinter der Realität zurückbleibt, aber sie wissen etwas. Ich denke, deswegen können wir es wagen zu versuchen, Gott zu beschreiben.

Wir haben es auf sieben Aspekte verteilt. Diesen und die nächsten sechs Gottesdienste wird es also um die Charaktereigenschaften Gottes gehen. Heute fangen wir mit Barmherzigkeit an.

Mir persönlich geht es so, wenn ich das Wort Barmherzigkeit höre, fällt mir eher das Mittelalter oder so etwas ein. Das Wort ist so superalt. „Barm“, was heißt „barm“? Barmherzig. Die Sprachwissenschaftler unter uns werden dann sagen, dass irgendwann eine Lautverschiebung vom  „b“ aufs „w“ stattgefunden hat. So könnte man das Wort auch „warmherzig“ nennen. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus.

Im Mittelalter, wo das Wort entstanden sein mag, gab es noch funktionierende Armenversorgungen; eine Heilige Maria von was-weiß-ich, die dann ein Waisenheim aufgebaut oder ein Spital eröffnet hat. Teilweise sogar schon vor dem Mittelalter. Das waren ja alles Dinge, die die Gesellschaft seinerzeit nicht selbst in die Hand genommen hatte. Es musste von einzelnen Leuten, deren Herz Gott berührt hatte, übernommen werden.

Aber ist Barmherzigkeit nun ein Charakterzug, der zum Mittelalter gehört, oder ist er immer noch aktuell, selbst, wenn es ein altes Wort ist? Ich denke, es ist superaktuell, weil es sehr häufig in der Bibel steht. Wir finden es allein im Neuen Testament 480 Mal in unterschiedlichen Aspekten. Keine schlechte Zahl, oder? Die Verse, die ganz klar sagen, dass Gott barmherzig ist, möchte ich einmal vorlesen. Einmal aus dem Alten Testamen. Da steht in Psalm 145, 8-9: „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade. Der Herr ist gütig zu allen. Sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.“ Sein Erbarmen (oder: seine Barmherzigkeit) waltet über all seinen Werken… Jesus sagt in Lukas 6,36: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (also: wie auch Gott barmherzig ist).

Natürlich bleibt noch die Frage: Was bedeutet Barmherzigkeit? Da möchte ich euch eine Begebenheit aus Lukas 5, 27-32 vorlesen: „Und danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi im Zollhaus sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach. Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach. Und Levi machte ihm ein großes Mahl in seinem Haus. Und da war eine große Menge von Zöllnern und anderen, die mit ihm am Tisch lagen. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten gegen seine Jünger und sprachen: Warum trinkt und esst ihr mit den Zöllnern und Sündern? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.“

Zur Erklärung: Zöllner waren in der damaligen Gesellschaft sehr ungeliebte Menschen, weil sie von den Leuten alles abgezockt haben, was sie nur abzocken konnten. Sie haben als Steuereintreiber, als Zöllner die Leute nach Strich und Faden betrogen und nur ihren eigenen Vorteil gesucht. Deswegen war ein Zöllner in der damaligen Gesellschaft nahezu automatisch auch ein Sünder. Denn er war jemand, der Schlechtes tut, der uns ausbeutet und das letzte bisschen, was wir haben, noch von uns nimmt.

Genau so einem sagt Jesus: „Ich möchte, dass du mein Jünger bist.“ Jesus, der Gottes Sohn ist, sagt zu einem Sünder: „Ich möchte, dass du mit mir kommst. Dass du mit mir lebst und mit mir zeigst, wie Gott ist. Ich will hier durch die Dörfer gehen und zeigen, wie Gott ist.“ Jesus hat immer gesagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“ – also Gott. Und er sucht sich jemanden, von dem wir wahrscheinlich gesagt hätten: Den hätte ich beim besten Willen nicht ausgewählt. Das ist doch wirklich ein Schwein. Und Jesus wählt dieses Schwein. Das gibt es doch nicht!

Nicht nur das: der Levi ist völlig begeistert. Er verlässt sofort alles und lädt Jesus in sein Haus ein. Seine ganzen Kollegen ruft er zu sich, ebenfalls Sünder. Für die Pharisäer muss es ein reiner Sünderpfuhl gewesen sein, der sich da traf, ein Babylon. Sie alle waren in seinem Haus, haben gefeiert und gegessen. Und natürlich haben die, die dachten, dass sie über Gott Bescheid wissen, sich gesagt: „Das kann doch nicht angehen. Wenn dieser Jesus das wäre, was er zu sein von sich behauptet, dann könnte das doch überhaupt nicht funktionieren. Er kann sich doch nicht mit diesen Leuten zusammensetzen! Gott ist ein heiliger Gott!“

Im Judentum gab es die Vorstellung, dass Gott so heilig war, dass man nicht einmal seinen Namen aussprechen durfte, weil man sich sonst die Zunge verbrannte. Denn Menschen sind eben nicht heilig. Und jetzt waren bei Jesus, dem Gottessohn, nicht nur ganz normale Menschen, wie die Pharisäer, die bei Gott noch so eben durchgerutscht wären, sondern ganz offensichtlich Leute, die da überhaupt nicht hinein passen. Mit denen verbringt der Sohn Gottes einen netten Abend.

Es wird sogar aufgeschrieben, so dass Generationen und Völker über dieses Ereignis lesen können. Jesus hat sich mit den Sündern abgegeben. Mit den Schweinen.  Das ist Barmherzigkeit. Gott gibt sich mit denen ab, die nicht in das Bild passen, die nicht ausreichend sind, wie die religiöse Kaste das hier definiert hat. Und es ist bezeichnend, wie wenig die von Gott verstanden haben: „Gott muss doch so sein… Er ist heilig, und deswegen können die nicht…“ Und Jesus sagt: „Irrtum. Gerade für die bin ich gekommen. Ich bin nicht für die gekommen, die ihr euch gerecht fühlt und denkt, ihr braucht keine Umkehr. Sonder für die, die jetzt neben mir sitzen. Sie haben ihr Leben nicht unter den Füßen, und es gibt Dinge in ihrem Leben, die nicht in Ordnung sind, aber für die bin ich gekommen. Für die will ich mich verschenken. Mit denen will ich durch die Lande ziehen und zeigen, was Reich Gottes ist und wie es im Reich Gottes funktioniert. Ich will zeigen, was es heißt, barmherzig zu sein.“ Jesus hat sich ganz an diese Leute verschenkt. Er hat sie benutzt, sein Reich zu bauen. Diejenigen, die nicht genügen, hat Gott dafür auserkoren, dass sie genügen. Er sagt: Ihr seid genau richtig. Ihr seid die Richtigen. Und das ist das, was Gott heutzutage immer noch tut. Was Gott in meinem Leben getan hat. Er hat gesagt: Erik, du bist der Richtige. Und als ich das erkannt habe, war ich platt. Ich habe gedacht: Nein, nicht ich. Ich kriege meine Beziehung zu Gott nicht geregelt, ich mache dies und jenes, und außerdem bin ich sowieso nichts wert. Aber der lebendige Gott hat gesagt: Doch, Erik, du bist der Richtige. Er war barmherzig, warmherzig zu mir. Er hat mir seine Freundlichkeit gezeigt – ein besonderes Zeichen von Barmherzigkeit. Seine Güte hat er mir gezeigt, er hat mich seine Vergebung erleben lassen. Er hat mir gezeigt, dass da nichts mehr ist, was da zwischen ihm und mir steht. Nicht, weil da faktisch nichts mehr wäre, sondern weil Gott sagte: Das gucke ich nicht mehr an. Zack, das werfen wir in die tiefsten Tiefen des Meeres und dann ist es weg. Das ist Barmherzigkeit.

Wir finden im Urtext  der Bibel – um weiter auszuführen, was Barmherzigkeit für uns bedeutet – das Wort έλεος (eleos). Das wird mit Barmherzigkeit übersetzt, im Sinn von „sich an andere zu verschenken, tätig zu werden, Hilfe anzubieten, Almosen zu geben“. Dieses Wort taucht im Neuen Testament vierhundert Mal auf. Es ist nicht in erster Linie ein Gefühl damit beschrieben, wie das bei „warmherzig“, „Mitleid“ ja zu erwarten wäre, sondern es bezeichnet das Tätigwerden aus dem Gefühl heraus. Somit ist dieses Wort auch zu verstehen als „geduldige Haltung dessen, der vom anderen schlecht behandelt wird und sich trotzdem nicht von der Person trennen lässt.“ Für Gott ist ungerechtes Leben eine Trennung. Trotzdem sagt er: Die Trennung ist nicht mehr da, weil sie durch Jesus aufgehoben wird. Er hat diese Barmherzigkeit uns gegeben, obwohl wir Menschen ihn schlecht behandelt haben. Dies wird an Jesus superdeutlich: ans Kreuz genagelt und schon vorher ziemlich mies behandelt. Wer den Film „Die Passion Christi“ gesehen hat, hat das in einer ziemlich großen Dimension verstanden, wie mies Jesus behandelt wurde. Trotzdem sagt Gott: „Obwohl ihr mich so mies behandelt habt, will ich Beziehung mit euch!“

Dann finden wir ein zweites Wort – πολύσπλαγχνος (polúsplanchnos) -, das im neuen Testament ungefähr 80 Mal auftaucht. Das Interessante ist: dieses Wort wird eigentlich immer nur im Plural gebraucht. Im Deutschen gibt es keinen wirklichen Plural von „Barmherzigkeit“. Das weist besonders darauf hin, dass Gott auf ganz viele Arten barmherzig ist. Wir können hier von den „Barmherzigkeiten Gottes“ reden. Dieses Wort bezeichnet ursprünglich die „subjektiv empfundene Liebe einer Mutter zu ihrem Kind“. Genau so, wie auch Gott diese Liebe hat und sagt: „Ich will diese Beziehung. Ich will einen Bund mit euch schließen“ und diese Geborgenheit gibt, die sich in Vergebung auswirkt: das ist Barmherzigkeit. In Jakobus 5,11 lesen wir: „Siehe, wir preisen die glücklich, die ausgeharrt haben. Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört. Das Ende des Herrn habt ihr gesehen, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.“ Und weil Gott diese vielfältigen Arten und Weisen von Barmherzigkeit hat, sollen auch wir diese Barmherzigkeit in uns und durch uns wirken lassen.

Wenn man sich das mal überlegt, was ich vorhin so dargelegt habe, ist das ein ganz schön hoher Anspruch. Diese Barmherzigkeit sollen auch wir leben. Diese Leute, die uns schlecht behandeln und ablehnen, denen sollen wir sagen: Ja, wir wollen Beziehung. Wir wollen weiter. Das ist keine einfache Nummer. Wie kann das passieren? Das kann nur passieren, indem wir uns von Gott berühren lassen und diese Haltung in unser Herz kriegen, dass dieser Charakterzug Gottes in uns eingepflanzt wird. Wir haben vorhin gesungen: „…dass deine Gestalt sichtbarer wird in mir, in uns.“ Das bedeutet auch, dass seine Barmherzigkeit in uns sichtbarer wird. Das wir diese Haltung an uns heran lassen und nicht so handeln, wie es allgemein üblich ist, sondern sagen: „Ich kann es nicht. Ich packe es emotional nicht, aber Du kannst es in mir packen und frei setzen.“

In Offenbarung 3, 17 lesen wir: „Weil du sagst, ich bin reich und bin reich geworden und brauche nichts und nicht weißt, du bist elend und jämmerlich, arm und blind und bloß bist, rate ich dir, von mir in Feuer geläutertes Gold zu kaufen, damit du reich wirst und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, um damit deine Augen zu salben, damit du siehst.“ So denke ich, dass wir zu Gott kommen und sagen: „Ich brauche das. Ich bin bedürftig. Ich will das Gold kaufen, das im Feuer geläutert ist. Ich brauche neue Kleider, denn meine Kleider sind zerschlissen. Und ich brauche diese Augensalbe, damit ich diese Leute, die der Barmherzigkeit bedürfen, überhaupt sehen kann.“ Und damit sehe ich nicht nur den Bettler, der offensichtlich auf der Straße sitzt. Den natürlich auch. Aber wo sind die Leute um uns herum, die diese Barmherzigkeit brauchen. Sitzen die vielleicht an unseren Arbeitsplätzen? Und die Barmherzigkeit, die wir leben können, ist eine Freundlichkeit, selbst, wenn uns schlechte Laune entgegenschlägt? Oder ist es das Angebot von Hilfe, wenn wir merken, Leute sind in der Not und kommen nicht weiter? Ich denke, wie das praktisch zu füllen ist, muss jeder von euch sehen. Aber lasst Gott nicht in Ruhe, euch diese „Augensalbe“ zu geben und sagt ihm: „Herr, ich brauche diese Barmherzigkeit in mir. Du hast mich herausgefordert, selbst barmherzig zu sein, damit das, was Du bist, in mir passiert. Und ich möchte das.“

Wenn ich das so formuliere, bin ich mir bewusst, dass sich das schwieriger anhört, als es vielleicht eigentlich ist. Denn wenn wir Gott mehr und mehr kennen lernen, dann können wir gar nicht anders, als das sich diese Eigenschaften in uns wieder finden. So wie das in einer langjährigen Beziehung ist, dass man aufeinander abfärbt. So, wie der andere drauf ist, findet sich dann auch in einem selbst wieder, in den Charakterzügen, in dem, wie man auftritt, wie man handelt und sich gibt. 

Gott wird dich verändern, wenn du dich ihm näherst. Er wird dir diese Barmherzigkeit schenken, wenn du es zulässt und sagst: „Ja, ich möchte das.“ Das bedeutet im Alltag die ein oder andere neue Herausforderung. Du wirst anfangen, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen, je mehr Barmherzigkeit durch dich fließt.

Aber keine Angst: du wirst nicht von dem Elend, der Not der Welt erschlagen werden. Du wirst nicht die typische Helferberufe-Krankheit bekommen, die sich zu sehr mit der Not identifiziert und sich einfach machtlos fühlt. Denn wir haben immer Gott auf unserer Seite. Wir sind es eben nicht, die das leisten müssen. Sondern Gott selbst kann die Barmherzigkeit in uns frei setzen. Er gibt uns die notwendigen Grenzen, die wir brauchen, um nicht selbst daran kaputt zu gehen. Und das ist doch sehr ermutigend.

Ich möchte noch einmal zusammenfassen: Barmherzigkeit bedeutet praktisch, dass nichts aufgerechnet wird. Es wird nicht gefragt, was der andere getan hat und wie er in diese Lage gekommen ist. Barmherzigkeit ist bedingungslose Liebe und Annahme. Barmherzigkeit ist verschenkend, ohne etwas zurück zu erwarten.

Wir sehen das in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ich will es jetzt nicht vorlesen, es gehört ohnehin zu den bekanntesten Gleichnissen Jesu: Da ist ein Samariter, der sich um jemanden kümmert, der zusammengeschlagen wurde. Er bezahlt einfach, dass für die Kur, die er zur Regenerierung braucht, und für die Arztkosten gesorgt ist, ohne dass er jemals die Möglichkeit hätte, etwas dafür zurück zu bekommen. Barmherzigkeit ist mitfühlend. Barmherzigkeit schaut die Person nicht abschätzend an, sondern hilft selbst, sogar den Feinden. Anders als die Pharisäer die der Party im Haus des Levi ganz fürchterlich fanden und alle abschätzend betrachtet haben. Denen fehlte die Barmherzigkeit. Im Gegenteil, sie waren hartherzig.

Barmherzigkeit ist somit auch voller Liebe. Sie scheut nicht die Gefahr. Sie verschenkt sich selbst dann, wenn es mit einem Risiko verbunden sein könnte. Und: Barmherzigkeit verfängt sich nicht in irgendwelchen religiösen Dogmen, so wie die Pharisäer es gemacht haben: „Wir wissen doch, Gott ist so und so. Und deswegen muss das richtig sein. Wir können gar nicht barmherzig sein, denn wir würden uns unrein machen.“ Jesus hat klar gemacht, dass das niemals der Weg der Barmherzigkeit sein kann.

Barmherzigkeit sucht eigentlich auch keine Ausflüchte. „Ich kann jetzt aber nicht, weil ich einen Termin habe.“ Oder: „Ich kann heute nicht freundlich sein, weil ich gestern schlecht behandelt wurde…“ und, und, und.

Barmherzigkeit wird natürlich auch nicht geübt, um sich etwas bei Gott zu verdienen. Wir können uns bei Gott ohnehin nichts verdienen. Barmherzigkeit ist selbstlos, verschenkend.

Barmherzigkeit ist nach außen gerichtet, auf die Menschen, denen ich täglich begegne. Wenn ich zulasse, dass Gott mir diese neuen Augen schenkt. Dass ich sie nicht so betrachte, wie ich sie immer betrachte, wenn ich sie einzuschätzen versuche, abzuschätzen: „Der kommt in die Schublade, und für den habe ich jene…“ Wir versuchen, Gott Raum zu geben, damit da Barmherzigkeit hinein kommt. Wir hören auf zu richten und zu verurteilen.

Das ist Barmherzigkeit. So ist Gott. Das Tolle ist: all das können wir immer neu erfahren. Wir können diese sich verschenkende, selbstlose Liebe immer neu erfahren. Es ist für uns, - ja, auch dafür, dass wir das, was Gott uns schenkt, weitergeben, klar! Das ist bei allen Dingen so. Aber Jesus hat es für uns getan. Bei diesem Anspruch, alles nur an andere zu geben, bleibt nichts für dich übrig. Nein: Gott gibt dir das, damit du genug hast und so viel hast, dass du es weitergeben kannst. Ich möchte euch herausfordern, Gott auf diese Weise an euch wirken zu lassen, diese Barmherzigkeit an euch zuzulassen, euch füllen zu lassen, verändern zu lassen. Dass ihr euch diese „Augensalbe“ leistet und nicht sagt: „Ich brauche das gar nicht. Ich bin reich.“ Denn das ist in diesem Sinne wohl keiner von uns.

Amen.

 

  
 
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